Abstract

Kaup, B. (1994): Der Aufbau mentaler Modelle beim Textverstehen, L.O.G.O.S., 2, 106-116.


Theorien des Textverstehens gehen im allgemeinen davon aus, daß das Ergebnis des Textverstehensprozesses eine interne mentale Repräsentation des Textes ist. Debattiert wird dabei hauptsächlich über das Format dieser Repräsentation, die Prozesse, die zu einer solchen Repräsentation führen, und über die Art der Information, die in der Repräsentation enthalten sind. In der vorliegenden Arbeit werden zwei Theoriegruppen zum Textverstehen vorgestellt und miteinander verglichen. Die propositionalen Theorien werden beispielhaft an der Theorie von Kintsch &van Dijk (1978 behandelt. Beim Textverstehen wird laut dieser Theorie der Text als eine hierarchische Struktur von untereinander verbundenen Propositionen repräsentiert. Es handelt sich um eine textnahe sprachliche Repräsentation. Die Theorie der mentalen Modelle (Johnson-Laird, 1983) postuliert dagegen, daß beim Textverstehen die Grenze zwischen sprachlicher und nichtsprachlicher Kognition überschritten wird. Als Ergebnis des Textverstehens wird hier eine nichtsprachliche Repräsentation der Situation angenommen, die durch den Text beschrieben wird. Die Situation wird dabei räumlich analog abgebildet. Mental Modelle sind dynamisch und haben dadurch eine wesentliche Funktion während des Textverstehens: Sie stellen zu jedem Zeitpunkt des Lesens den Kontextdar, in dem der weitere Textteil zu interpretieren ist. Außerdem wird über einige empirische Untersuchungen berichtet, die in ihrer Gesamtheit nur durch die Theorie der mentalen Modelle erklärbar sind.


Barbara Kaup