Abstract
Kaup, B. (1999). Zur Verarbeitung und mentalen Repräsentation von Negation bei der Textrezeption. Dissertation, Technical University of Berlin.
In der vorliegenden Arbeit geht es um die Verarbeitung und mentale Repräsentation von Negation beim Textverstehen und speziell um den Einfluß des Negationsoperators auf die Verfügbarkeit von Textinhalten. Ausgangspunkt der Überlegungen stellt ein Befund von MacDonald & Just (1989) zur Verarbeitung von Negation beim Verstehen isolierter Sätze dar: Nach dem Lesen von Sätzen wie (1) benötigen Versuchspersonen (Vpn) signifikant mehr Zeit, um zu entscheiden, ob cookies im Satz vorgekommen war, als um zu entscheiden, ob bread vorgekommen war (Wortwiedererkennungsaufgabe).
(1) Mary bakes bread but no cookies for the children.
Dieser Effekt ist für die Textverstehensforschung von besonderem Interesse, da die verschiedenen Textverstehenstheorien ganz unterschiedliche Erklärungen für einen solchen Effekt anbieten. Nach Textpropositionstheorien (z.B. McKoon & Ratcliff, 1992), in denen postuliert wird, daß das Resultat des Textverstehens eine Repräsentation des propositionalen Textgehalts ist, ist der Negationsoperator für den Verfügbarkeitsunterschied verantwortlich: In diesen Theorien wird Negation als ein explizit repräsentierter Operator angesehen, der die Verfügbarkeit von Konzepten in seinem Skopus reduziert. In (1) steht cookies im Skopus des Negationsoperator, bread aber nicht, und so ist cookies nach dem Lesen von (1) mental schlechter verfügbar als bread . Nach der Theorie mentaler Modelle (z.B. Johnson-Laird, 1983) hingegen, in der angenommen wird, daß beim Textverstehen zusätzlich zu propositionalen Repräsentationen auch eine Repräsentation des im Text beschriebenen Sachverhalts (mentales Modell) aufgebaut wird, wird kein sprachlicher Faktor für den Verfügbarkeitsunterschied verantwortlich gemacht, sondern ein situativer: In der in (1) beschriebenen Situation ist ein Brot vorhanden, aber keine Kekse. Im mentalen Modell ist also ein Brot repräsentiert, aber keine Kekse, und so ist bread nach dem Lesen von (1) mental besser verfügbar als cookies .
Für Sätze wie (1) kommen die beiden Erklärungsansätze zu denselben Vorhersagen. Zu unterschiedlichen Vorhersagen kommen die beiden Ansätze, wenn in den negativen Sätzen nicht `erschaffende' Tätigkeiten, sondern `vernichtende' Tätigkeiten beschrieben werden, wie in (2).
(2) Hubert verbrennt die Kommode, aber nicht den Schrank.
Nach Textpropositionstheorien sollte nach dem Lesen von (2) Schrank mental schlechter verfügbar sein als Kommode , da Schrank im Skopus des Negationsoperators steht, Kommode hingegen nicht. Nach der Theorie mentaler Modelle hingegen sollte nach dem Lesen von (2) der Schrank, der in der aktuellen Situation noch immer vorhanden ist, besser verfügbar sein als die Kommode, die mittlerweile verbrannt wurde.
Es wird über vier Experimente berichtet, in denen diese Vorhersagen untersucht wurden. Vpn wurden -- eingebettet in längere narrative Texte -- Sätze wie (1) und (2) präsentiert, und die Verfügbarkeit der relevanten Konzepte wurde am Ende des Textes mithilfe der Wortwiedererkennungsaufgabe erhoben. Es zeigte sich, daß die Verfügbarkeit von Textinhalten sowohl durch den Negationsoperator als auch durch die Präsenz in der beschriebenen Situation beeinflußt wird. Die Ergebnisse lassen sich zusammengenommen am besten mit der Theorie mentaler Modelle erklären, wenn eingeräumt wird, daß beim Textverstehen neben nicht-sprachlichen Repräsentationen des beschriebenen Sachverhalts auch sprachliche Repräsentationen verfügbar gehalten werden.
Barbara Kaup