Der Schwerpunkt unserer Forschung liegt im Bereich Sprachverstehen. Dabei interessieren wir uns vor allem für die Frage, wie die mentalen Repräsentationen geartet sind, die Leser oder Hörer konstruieren, wenn sie narrative Texte verarbeiten. Unserer Auffassung nach beruht Sprachverstehen auf einer mentalen Simulation der geschilderten Sachverhalte, wobei diese Simulationen im Prinzip von derselben Art sind, wie diejenigen, die beim direkten Erleben der entsprechenden Sachverhalte aktiv wären. Mit anderen Worten, “A major function of language is thus to enable us to experience the world by proxy” (Johnson-Laird, 1983, p. 471).

Innerhalb dieses generellen Forschungskontextes untersucht unsere “Emmy Noether-Nachwuchsgruppe”, wie negierte Information im Sprachverstehensprozess verarbeitet und repräsentiert wird. Betrachten wir beispielsweise den Satz "Klaus trägt keinen Hut": Wird beim Verarbeiten dieses Satzes ein Hut simuliert? Wir glauben, das ist der Fall. Wie könnte man sonst die Information, dass Klaus keinen Hut trägt, unterscheiden von der Information, dass Klaus keine Brille trägt? In unserer gegenwärtigen Forschung untersuchen wir die Hypothese, dass Leser oder Hörer beim Verarbeiten von negativen Sätzen zwei Simulationen konstruieren: eine Simulation des negierten Sachverhalts (Klaus mit Hut) und eine Simulation des tatsächlichen Sachverhalts (Klaus ohne Hut). Negation ist dann implizit repräsentiert, nämlich in der Abweichung zwischen den beiden Simulationen.

Diese und ähnliche Fragen werden in unserem Experimentallabor anhand von experimentellen Untersuchungen mit erwachsenen Versuchsteilnehmern untersucht. Dabei lesen unsere Versuchsteilnehmer typischerweise kurze Geschichten in einer von mehreren Versionen, und es werden entweder Satzlesezeiten gemessen oder Reaktionszeiten auf anschließend gezeigte Testwörter oder Bilder. Beide Maße spiegeln Unterschiede in der Komplexität und/oder Verfügbarkeit von Textinformation wider, und geben dadurch Aufschluss über die Beschaffenheit der beim Sprachverstehen konstruierten Repräsentationen.

Unsere Emmy Noether-Nachwuchsgruppe "Zur Psycholinguistik von Negation" besteht seit Januar 2003 und wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft bis Oktober 2008 gefördert.